Dr. Sarah Debor, Geschäftsbereichsleiterin für Urbanes Wohnen und Gewerbe bei der naturstrom AG
Dezentrale Energieversorgung im urbanen Raum gilt als Schlüssel für die Energiewende. Photovoltaik, Wärmepumpen, Elektromobilität und Mieterstrommodelle lassen sich technisch längst kombinieren. Doch sobald Batteriespeicher im Mehrparteienhaus ins Spiel kommen, zeigt sich: Das Potenzial ist enorm – die Umsetzung jedoch anspruchsvoll.
Sarah Debor, Geschäftsbereichsleiterin für Urbanes Wohnen und Gewerbe bei naturstrom, gibt Einblicke in fast 15 Jahre Quartierspraxis – und benennt klar, wo der Markt heute steht.
„In unserer DNA liegt die Energiewende!" "
Sarah Debor
Vom Ökostromanbieter zum Quartiersentwickler
Naturstrom wurde 1998 gegründet und ist vielen als klassischer Ökostromanbieter bekannt. Mit rund 300.000 Kundinnen und Kunden, über 350 realisierten Erneuerbaren-Projekten sowie mehr als 100 dezentralen Energieversorgungsprojekten ist das Unternehmen heute deutlich breiter aufgestellt.
„In unserer DNA liegt die Energiewende“, betont Debor. Der Anspruch sei von Anfang an gewesen, nicht nur Strom zu liefern, sondern aktiv dort tätig zu werden, „wo es sehr aktive Unternehmen braucht, um die Energiewende voranzutreiben.“
Seit fast 15 Jahren plant, baut und betreibt Naturstrom dezentrale Projekte im urbanen Raum – als Contractor, der PV-Anlagen, Wärmepumpen und Speicherlösungen integriert und selbst betreibt.
Das Quartier als System
Die ursprüngliche Idee ist ebenso naheliegend wie überzeugend: Mehrere Gebäude werden zu einem Quartier zusammengefasst. Auf den Dächern entstehen PV-Anlagen, Wärme wird über zentrale oder dezentrale Systeme bereitgestellt, Speicher optimieren Erzeugung und Verbrauch, Elektromobilität wird integriert.
Technisch ist dieses Zusammenspiel beherrschbar. Energiewirtschaftlich jedoch wird es komplex.
Ein zentrales Problem ist die sogenannte „Kundenanlage“. Der Europäische Gerichtshof hat entschieden, dass das deutsche Konstrukt nicht mit der EU-Binnenmarktrichtlinie vereinbar ist. Die Folge: Mehrere Gebäude lassen sich energiewirtschaftlich derzeit nur eingeschränkt als Einheit behandeln. Quartierslösungen werden regulatorisch erschwert.
„Dieses Quartier, so wie wir es hier sehen, ist im Moment jedenfalls schwierig umzusetzen“, so Debor.
Speicher: Zwischen Einfamilienhaus und Großanlage
Während Batteriespeicher im Einfamilienhaus längst etabliert sind und Großspeicher in der öffentlichen Diskussion stehen, ist der Mehrparteienhausbereich eine andere Liga. „Im Mehrparteienhausbereich ist es eben noch komplex.“ Denn hier treffen verschiedene Ebenen aufeinander:
- Mieterstrommodelle
- PV-Eigenverbrauch
- Wärmepumpenbetrieb
- Elektromobilität
- Netzrückspeisung
- energiewirtschaftliche Konstruktionen
Batteriespeicher können in diesem Kontext gleich mehrere Funktionen erfüllen: Sie erhöhen den Eigenverbrauchsanteil, reduzieren Stromkosten der Wärmepumpe und können – zumindest theoretisch – netzdienlich eingesetzt werden.
Doch gerade letzteres ist anspruchsvoll. „Die Batteriespeicher dort netzdienlich einzusetzen ist gar nicht so einfach“, sagt Debor. Es braucht hochautomatisierte Steuerungssysteme, ausgefeilte Messkonzepte und eine enge Abstimmung mit Netzbetreibern.
Wirtschaftlichkeit: Ja – aber nicht ohne Hürden
Aus Sicht von Naturstrom ist die ökonomische Perspektive grundsätzlich positiv. „Die Wirtschaftlichkeit von Quartiersprojekten kann über Batteriespeicher definitiv erhöht werden.“
Dennoch bestehen Marktbarrieren. Netzbetreiber müssen Mess- und Betriebskonzepte akzeptieren. Vor allem aber sind Finanzierungsfragen oft ein Hemmnis.
„Banken können gar nicht so einfach davon überzeugt werden, dass Mehrparteienhäuser mit Speichern über 30 Jahre einen guten Business Case liefern.“
Hier zeigt sich: Technische Machbarkeit allein genügt nicht. Die Energiewende im Quartier ist ein Zusammenspiel aus Technik, Regulierung, Finanzierung und Akzeptanz.
Wie aktiv können Bewohnerinnen und Bewohner sein?
In einem Forschungsprojekt untersuchte Naturstrom, wie stark sich Bewohnerinnen und Bewohner in Speicher- und PV-Konzepte einbinden lassen. Die Idee: Virtuelle Anteile an PV-Anlagen und Batteriespeichern, die einzelnen Wohneinheiten zugeordnet und intern handelbar sind.
Technisch funktionierte das Modell gut. Doch im Alltag offenbarte sich eine andere Erkenntnis.
„Die Aktivität der Bewohnerinnen und Bewohner hat irgendwo ein Maximum.“
Technikaffine Personen beteiligen sich aktiv. Doch sobald tägliche Steuerung notwendig wird, sinkt die Beteiligung. Debors Fazit ist eindeutig:
„Die Automatisierung ist die Zukunft.“
Komplexität als zentrale Herausforderung
Die vielleicht größte Herausforderung liegt in der Systemkomplexität. Dezentrale Energieprojekte im Quartier bringen zahlreiche Akteure zusammen – Projektentwickler, Bauherren, Netzbetreiber, Banken, Bewohnerinnen und Bewohner.
„Dezentrale Energieversorgungsprojekte dürfen nicht zu komplex werden. Sie müssen skalierbar bleiben.“
Speicher müssen zudem eine klare Zielsetzung haben. Nicht jedes Projekt profitiert davon, alle Anwendungsfälle gleichzeitig abzubilden. In manchen Fällen kann es sinnvoller sein, Speicher gezielt nur einem System – etwa der Wärmepumpe oder der Elektromobilität – zuzuordnen.
Ohne Regulierung geht es nicht
Ein wiederkehrendes Motiv in Debors Ausführungen ist der regulatorische Rahmen. „Wir brauchen die proaktive Unterstützung der Netzbetreiber.“ Und ebenso: „Wir brauchen unterstützende gesetzliche Regelungen, die es so noch nicht gibt.“
Solange energiewirtschaftliche Konstrukte wie die Kundenanlage rechtlich unsicher bleiben, wird das volle Potenzial von Quartierslösungen kaum ausgeschöpft werden können.
Ausblick: Große Zukunft – wenn die Rahmenbedingungen stimmen
Trotz aller Herausforderungen bleibt die Einschätzung optimistisch. Batteriespeicher erhöhen nachweislich die Wirtschaftlichkeit dezentraler Projekte. Die Technologie funktioniert. Die Systemintegration ist möglich.
„Der Speicher hat eine große Zukunft.“
Ob diese Zukunft im Mehrparteienhaus schnell Realität wird, hängt jedoch weniger von der Technik ab – sondern von Regulierung, Finanzierung und der Fähigkeit, Komplexität beherrschbar zu machen.